top of page

Meridiane unter der Lupe: Was die moderne Forschung zur Akupunktur entdeckt

Autorenbild: Claudia Cairone
Claudia Cairone
8. Aug.
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 22. Aug.

Meridiane gehören zu den grundlegenden Konzepten der Traditionellen Chinesischen Medizin. Seit Jahrhunderten werden Akupunkturpunkte nicht als voneinander unabhängige Orte verstanden, sondern als Teil eines Netzwerkes von Leitbahnen, über die unterschiedliche Bereiche des Körpers miteinander in Beziehung stehen.

Für die moderne Anatomie war dieses Modell lange schwer greifbar. Meridiane lassen sich weder mit Nerven noch mit Blut- oder Lymphgefässen gleichsetzen. Auch eine einzelne anatomische Struktur, die genau den klassischen Meridianverläufen entspricht, liess sich bisher nicht darstellen.

Doch in den vergangenen Jahren hat sich die Fragestellung verändert. Statt nach einer bislang unbekannten «Leitung» zu suchen, richtet sich der Blick zunehmend auf das, was Gewebe im Körper überhaupt miteinander verbindet: Faszien, Bindegewebe, Flüssigkeitsräume und die Weiterleitung mechanischer Reize.

Und genau hier ergeben sich bemerkenswerte Berührungspunkte mit der Akupunktur.


Eye-level view of a lush green forest with sunlight filtering through the leaves
Meridiane und Akupunkturpunkte - ein traditionelles System

Was geschieht im Gewebe, wenn eine Nadel gesetzt wird?

Eine wichtige Grundlage dafür legte die amerikanische Ärztin und Forscherin Helene Langevin bereits vor mehr als zwanzig Jahren.

Ihre Arbeitsgruppe untersuchte das sogenannte needle grasp: das aus der Akupunktur bekannte Phänomen, dass eine manipulierte Nadel spürbar fester im Gewebe sitzt. Dabei zeigte sich, dass das Drehen der Nadel das umgebende Bindegewebe verändert. Kollagenreiche Gewebestrukturen koppeln mechanisch an die Nadel, und die Kraft, die benötigt wird, um diese wieder herauszuziehen, steigt. Die Forschenden folgerten daraus, dass Bewegungen der Akupunkturnadel einen mechanischen Reiz in das umliegende Bindegewebe übertragen können.

Das ist deshalb interessant, weil Zellen auf mechanische Kräfte reagieren können. Die Umwandlung eines mechanischen Reizes in biologische Signale wird als Mechanotransduktion bezeichnet. Das Bindegewebe ist damit nicht einfach nur Verpackungs- oder Stützmaterial, sondern ein biologisch aktives Gewebe, das Kräfte aufnehmen und weitergeben kann.

Noch spannender wurde es, als Langevin und ihr Kollege Jason Yandow die Lage von Akupunkturpunkten mit anatomischen Bindegewebsebenen verglichen. In Schnittbildern des menschlichen Arms fanden sie bei 80 Prozent der untersuchten Akupunkturpunkte eine Übereinstimmung mit inter- oder intramuskulären Bindegewebsebenen. Auch mehrere Abschnitte klassischer Meridiane verliefen entlang solcher Strukturen.

Die Akupunkturpunkte scheinen anatomisch also keineswegs beliebig verteilt zu sein.


Lassen sich Meridianverläufe im Gewebe wiederfinden?

2019 gingen Forschende dieser Frage noch direkter nach. An vier menschlichen Körperspendern und zusätzlichen Unterschenkelpräparaten untersuchten sie verschiedene klassische Meridianverläufe anatomisch und histologisch.

Dabei fanden sie wiederholt Beziehungen zu Faszien und anderen Bestandteilen der extrazellulären Matrix, aber auch zu Muskeln, Sehnen und Bändern. Die Autoren sahen darin Hinweise darauf, dass Faszien und Bindegewebe einen Teil des anatomischen Substrats von Meridianen bilden könnten.

Dabei zeigte sich allerdings kein Meridian als einzelner, scharf abgegrenzter Kanal.

Vielleicht ist aber gerade diese Vorstellung zu einfach. Denn auch Faszien bilden keine röhrenförmigen Leitungen. Sie durchziehen den Körper als dreidimensionales Netzwerk, umhüllen Muskeln und Organe und stehen mit Gefässen, Nerven und anderen Bindegewebsstrukturen in Verbindung.

Damit stellt sich eine andere Frage: Könnten die traditionellen Meridianverläufe funktionelle Wege innerhalb eines solchen körperweiten Netzwerkes beschreiben?


Ein Farbstoff nimmt einen bemerkenswerten Weg

2021 sorgte ein kleines Experiment an 15 gesunden Probandinnen und Probanden für Aufmerksamkeit.

Die Forschenden injizierten unter anderem den fluoreszierenden Farbstoff Fluorescein in die Haut am Akupunkturpunkt Perikard 6 – Neiguan am Unterarm und beobachteten anschliessend seine Ausbreitung.

In 15 von 19 Versuchen wanderte der Farbstoff langsam körperwärts entlang einer schmalen Linie. Diese lag über den gesamten beobachteten Verlauf höchstens etwa einen Zentimeter vom klassischen Perikardmeridian entfernt. Besonders auffällig: Weiter oben am Arm trat die Fluoreszenz am zuvor festgelegten Akupunkturpunkt Perikard 3 zusammen.

Wurde der Farbstoff dagegen an einer benachbarten Kontrollstelle eingebracht, entstand keine vergleichbare lineare Ausbreitung.

Auch eine einfache Erklärung über Blutgefässe liess sich nicht finden. Weder Ultraschall noch ein Gerät zur Darstellung oberflächlicher Venen zeigten entlang der beobachteten Fluoreszenzlinie entsprechende Arterien oder Venen. Dafür fanden die Forschenden Beziehungen zu den zwischen den Muskeln verlaufenden Faszien.

Die Untersuchung war klein und ihre Befunde müssen in grösseren und unabhängigen Studien bestätigt werden. Trotzdem ist sie bemerkenswert: Mit modernen bildgebenden Verfahren werden Vorgänge im lebenden Gewebe sichtbar, die sich zumindest teilweise mit überlieferten Meridianverläufen decken.


Ein weit verzweigtes Flüssigkeitsnetz im Körper

Parallel dazu hat sich unser Verständnis des Bindegewebes selbst verändert.

2018 beschrieben Forschende um Neil Theise Gewebestrukturen genauer, die in herkömmlichen histologischen Präparaten leicht übersehen werden können. Sie fanden grössere, flüssigkeitsgefüllte Zwischenräume innerhalb kollagener Bindegewebsschichten – unter anderem in der Haut, in Faszien, um Arterien sowie in den Wandschichten verschiedener Organe.

Diese Räume gehören zum sogenannten Interstitium. Vereinfacht gesagt umfasst dieser Begriff die Räume zwischen Zellen und Gewebestrukturen, die mit interstitieller Flüssigkeit gefüllt sind.

Das Interstitium ist kein neu entdecktes Organ. Neu ist vielmehr, wie deutlich moderne Untersuchungsmethoden seine räumliche Ausdehnung und Struktur erkennen lassen. Fixiert man Gewebe für die klassische Mikroskopie, kann Flüssigkeit verloren gehen und der zuvor offene Raum zusammenfallen. Im lebenden beziehungsweise entsprechend konservierten Gewebe zeigt sich daher ein anderes Bild.

2021 lieferten Theise und seine Mitarbeitenden weitere Hinweise darauf, dass solche interstitiellen Räume über Grenzen einzelner Gewebe und Organe hinweg miteinander verbunden sein können. Unter anderem konnten sie Partikel aus der Haut beziehungsweise dem Darm in angrenzende Faszien verfolgen.

Damit bekommt die Vorstellung eines körperweiten, flüssigkeitsführenden Bindegewebsnetzes eine zunehmend konkrete anatomische Grundlage.


Warum das für die Akupunkturforschung interessant ist

2026 haben Rebecca Wells von der University of Pennsylvania und Neil Theise von der NYU Grossman School of Medicine den aktuellen Forschungsstand zum Interstitium in einem grossen Übersichtsartikel zusammengefasst.

Sie beschreiben es als ein körperweites Netzwerk flüssigkeitsgefüllter Räume, das auf verschiedenen Grössenebenen vorkommt. Zu den grösseren interstitiellen Räumen zählen unter anderem Faszien, Haut, Organkapseln sowie Bindegewebsschichten um Gefässe und Nerven. Hyaluronsäure und unterschiedliche Bestandteile der extrazellulären Matrix spielen dabei eine wichtige Rolle.

Besonders interessant ist die Frage, was innerhalb dieses Netzwerkes ausser Flüssigkeit noch weitergegeben werden kann. Diskutiert werden der Transport gelöster Substanzen sowie mechanische und möglicherweise auch elektrische Signalübertragung. Gerade Letzteres ist derzeit noch Forschungsgegenstand.

Damit beginnen mehrere Forschungsstränge ineinanderzugreifen:

Eine Akupunkturnadel setzt einen mechanischen Reiz.

Dieser Reiz wirkt auf Bindegewebe und Faszien.

Innerhalb dieses Gewebes befinden sich miteinander verbundene flüssigkeitsgefüllte Zwischenräume.

Und viele Akupunkturpunkte und zumindest Abschnitte klassischer Meridianverläufe zeigen auffällige Beziehungen zu genau solchen Bindegewebsebenen.

Hinzu kommen erste bildgebende Beobachtungen, bei denen sich Flüssigkeit beziehungsweise Tracer nach einer Injektion an einem Akupunkturpunkt entlang eines klassischen Meridianverlaufs bewegt haben.


Ein altes Modell wird mit neuen Methoden erforschbar

Die Meridianlehre entstand vor mehr als zwei Jahrtausenden – zu einer Zeit ohne Mikroskopie, Ultraschall, Fluoreszenzbildgebung oder Molekularbiologie. Ihre Beschreibungen beruhten auf klinischer Beobachtung und Erfahrung: Bestimmte Punkte wurden miteinander in Beziehung gesetzt, typische Wirkungen beschrieben und daraus über Generationen ein komplexes System entwickelt.

Heute können solche Beobachtungen mit völlig anderen Methoden untersucht werden.

Wir können sehen, wie sich Bindegewebe um eine Akupunkturnadel verändert. Wir können anatomische Bindegewebsebenen mit der Lage von Akupunkturpunkten vergleichen. Wir können Flüssigkeitsbewegungen im lebenden Gewebe verfolgen und zunehmend verstehen, wie Faszien, extrazelluläre Matrix, interstitielle Flüssigkeit, Nervensystem und mechanische Signalübertragung zusammenspielen.

Die moderne Forschung zeichnet dabei kein Bild eines einzelnen «Meridiangefässes», das sich wie eine Arterie freipräparieren liesse. Dafür entsteht etwas möglicherweise viel Interessanteres: das Bild eines körperweiten funktionellen Netzwerkes, in dem mechanische Reize, Bindegewebe, Flüssigkeitsräume und Nervensystem eng miteinander verbunden sind.

Ob und wie weit dieses Netzwerk den traditionellen Meridianen entspricht, ist Gegenstand weiterer Forschung. Doch ein Konzept, das lange kaum mit den Methoden der westlichen Anatomie zu greifen war, wird zunehmend wissenschaftlich untersuchbar.

Altes Erfahrungswissen und moderne Forschung müssen sich dabei nicht gegenüberstehen. Gerade dort, wo neue Methoden bisher unsichtbare Zusammenhänge im Körper sichtbar machen, beginnt ein besonders spannender Dialog zwischen beiden.


Quellen und weiterführende Literatur

Langevin HM, Churchill DL, Wu J, et al.Evidence of Connective Tissue Involvement in Acupuncture. The FASEB Journal. 2002;16(8):872–874. doi: 10.1096/fj.01-0925fje.

Langevin HM, Yandow JA.Relationship of Acupuncture Points and Meridians to Connective Tissue Planes. The Anatomical Record. 2002;269(6):257–265. doi: 10.1002/ar.10185.

Benias PC, Wells RG, Sackey-Aboagye B, et al.Structure and Distribution of an Unrecognized Interstitium in Human Tissues. Scientific Reports. 2018;8:4947. doi: 10.1038/s41598-018-23062-6.

Maurer N, Nissel H, Egerbacher M, Gornik E, Schuller P, Traxler H.Anatomical Evidence of Acupuncture Meridians in the Human Extracellular Matrix: Results from a Macroscopic and Microscopic Interdisciplinary Multicentre Study on Human Corpses. Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine. 2019;2019:6976892. doi: 10.1155/2019/6976892.

Cenaj O, Allison DHR, Imam R, et al.Evidence for Continuity of Interstitial Spaces Across Tissue and Organ Boundaries in Humans. Communications Biology. 2021;4:436. doi: 10.1038/s42003-021-01962-0.

Li T, Tang BQ, Zhang WB, Zhao M, Hu Q, Ahn A.In Vivo Visualization of the Pericardium Meridian with Fluorescent Dyes. Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine. 2021;2021:5581227. doi: 10.1155/2021/5581227.

Wells RG, Theise ND.Interstitial Spaces: A Basolateral Source of Structure and Signals. Annual Review of Cell and Developmental Biology. 2026;42, online ahead of print. doi: 10.1146/annurev-cellbio-111524-023144.

Peeples L.What’s the Science Behind Acupuncture? Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS). 2026;123(10):e2605301123. doi: 10.1073/pnas.2605301123.

 
 
 

Kommentare


bottom of page